2006 4. Quartal

überragend
sehr gut
empfehlenswert
erträglich
nicht empfehlenswert

Eleni Karaindrou, Elegy Of The Uprooting, 2 CDs
ECM New Series 1952/53

Es ist traurig, aber wahr: Das Klagelied der Entwurzelung ist ebenso alt wie aktuell. Inspiriert u.a. von Euripides’ Tragödie „Die Troerinnen“, schuf die bekannte und vielfach ausgezeichnete Komponistin, Pianistin und Sängerin Eleni Karaindrou dieses grandiose Opus, für das sie frühere Kompositionen aus ihrem Theater- und Filmmusikwerk in einen neuen Zusammenhang stellte und zu einem monumentalen Bühnenwerk verknüpfte. Das Singen überlässt sie hier ihrer Studienfreundin Maria Farantouri und dem Hellenischen Radio- und Fernsehchor. Außerdem dabei: herausragende Solisten wie Vangelis Christopoulos (Oboe) und Socratis Sinopoulos (Konstantinopel-Lyra) sowie das Camerata Orchestra unter der Leitung von Alexandros Myrat und das Traditional Instruments Ensemble mit Maria Bildea (Harfe) und Andreas Katsiyiannis (Santouri). Karaindrou selbst spielt den Flügel. Insgesamt stehen 110 Musiker auf der Bühne. Doch niemals trifft und erschlägt einen die geballte Wucht dieses riesigen Klangkörpers. Die subtile Partitur vermittelt ein eher kammermusikalisches Erlebnis – nur halt mit häufigen Besetzungsvariationen. So entsteht eine enorme Intimität und Intensität, die den Hörer auf ähnliche Weise zu erschüttern vermag wie die Tragödie selbst. Die Aufführung und die Aufnahme dieses abendfüllenden Konzerts sind gleichermaßen großartig gelungen.
www.musicolog.com/eleni.asp, www.ecmrecords.com

Diverse, Eat To The Beat – The Dirtiest Of Them Dirty Blues
Bear Family Records, BCD 16816 AS
Im sogenannten Bibel-Gürtel der Vereinigten Staaten können die meisten bis heute nicht unterscheiden zwischen einer „gesunden Verdorbenheit“ und der ausbeuterischen und gewalttätigen Pornographie, die gerade aus der Prüderie erwächst. Sei’s drum, hier kommt eine Kollektion von 28 Original-Takes aus den wilden 1940er und 50er Jahren, in deren Texten sich alles um Sex dreht und an Deutlichkeit keinen Wunsch offen lässt. Große Namen wie Dinah Washington, Dave Bartholomew, Jackie Wilson, LaVerne Baker und Screamin’ Jay Hawkins sowie weniger bekannte Entertainer und Gruppen wie Amos Milburn, Crown Prince Waterford, Julia Lee, The ‚5’ Royals oder The Blenders amüsieren aber nicht nur mit ihrem frechen Vokabular, sondern natürlich auch mit dem stimmlich und instrumental explosiven Rhythm & Blues jener Jahre. Erstklassig ausgesucht, klanglich erstklassig aufgearbeitet und mit einem vorbildlichen Doku-Booklet ausgestattet – eine echte Qualitätsarbeit vom deutschen Reissue-Weltmeister Bear Family Records. www.bear-family.de

La Camorra Tango, 12 Postales
Galileo GMC 016
„Postkarten“ nennen diese fünf jungen Männer ihre kleinen aber feinen Kompositionen, in denen sie sich als würdige Jünger des großen Astor Piazzolla erweisen, wie übrigens auch dessen Enkel Daniel findet. Und der sollte es wissen. Die Mitglieder sind aus anderen Orchestern und Ensembles erprobte Leute, die sich mit dieser Gruppe eine Plattform für ihre eigenen Stücke geschaffen haben. In manchmal kaum drei oder vier Minuten Spieldauer komprimieren sie soviel Tiefgang und Intensität, dass einem beim Zuhören glatt das Zeitgefühl abhanden kommt. Tango-Nuevo-Miniaturen von ausgesuchter Finesse.  www.lacamorra-tango.com, www.galileo-mc.com

Eriko Ishibara, This Crazy Town
Timeless, CDSJP 475
Aufgewachsen in Tokyo mit klassischen Klavierstunden, entdeckte Frau Ishibara den Jazz zuerst im Plattenregal ihres Onkels: Oscar Peterson, Michel Petrucciani, Sarah Vaughan und Shirley Horn wurden so zu ihren Vorbildern, und nun lebt sie in London und baut sich eine Karriere als Pianistin und Sängerin auf. Ihr Debüt-Album mit Kompositionen u.a. von Antonio Carlos Jobim, Bart Howard, Petrucciani und aus eigener Feder zeigt noch keine markante Handschrift, aber einiges Talent. Da kann also noch viel werden. www.timeless-records.com

Michael De Jong, The Great Illusion
MW Records, MWCD 1017
Der Ex-Junkie aus Amsterdam mit den dylanesken Melodien lebt schon lange in den USA und schlägt sich dort als ewiger Geheimtipp der Singer/Songwriter-Szene durch sein verpfuschtes Leben. Seine Texte erzählen überwiegend von den bitteren Erfahrungen und Angstvisionen des Ausgegrenzten, und sein Vortrag ist so roh, dass es bei Live-Gigs zarten Gemütern auch schon mal zu heftig wird. Für diese Studio-Session gab er sich zwar eher ruhig und kontemplativ, trotzdem geht er mit seiner ungeschminkten Brüchigkeit unter die Haut. www.musicwords.nl

The Waybacks, From The Pasture To The Future
Compass Records 7 4430 2
Vier Saiten-Freaks, die an Walzer und Rumba ebenso viel Spaß haben wie an Hillbilly, Rock ‚n’ Roll und Sinti-Jazz, feiern sich auf ihrer Homepage als die Stars des Jamgrass aus San Francisco. Und keine Frage, die Jungs sind Klasse, aber mal ehrlich: Gerade in dieser Richtung gibt es eine ganze Anzahl wirklich virtuoser Könner. Wirklich herausragend also sind die Waybacks zumindest auf dieser Scheibe nicht. Aber es gibt schon Highlights: In „Armando’s Rhumba“ und „Monkey Pants“ geht die Post ab.  www.waybacks.com, www.compassrecords.com 

Hannes Wader, Mal angenommen
pläne 88936

Zum Auftakt dieser CD singt Hannes fünf Minuten lang davon, wie sehr man ihn doch gedrängt habe, mal wieder neue politische Lieder zu schreiben, wie ungern er sich drängen lasse, aber dass er ja letztendlich des Lied singen müsse, dessen Brot er esse. Dabei hatte er doch erst 2004 auf „... und es wechseln die Zeiten“ deutliche Stellungnahmen geliefert. Davor gab es schon wesentlich längere Pausen. Und der sonst so erfrischende Wader-Sarkasmus, mit dem er diese Erwartungen wohl karikieren wollte, funktioniert in diesem Text auch nicht. Er klingt gezwungen. Mal angenommen, er hätte sich diesen ebenso überflüssigen wie misslungenen Opener verkniffen, die Kugel des passionierten Boule-Spielers wäre besser ins Rollen gekommen. Diesem Fehlgriff und einem bisschen Schnickschnack in den Arrangements steht dann am Ende das um so großartigere „Familienerbe“ gegenüber, in dem er die Geschichte seiner Vorfahren seit 1878 besingt. Von den Folgen der Bismarckschen Sozialistengesetze bis zum Widerstand gegen die Nazis und gegen die Verdrängung in den Nachkriegsjahren skizziert er die Meilensteine im Leben seiner Ahnen – ohne Pathos oder Verklärung, aber mit berechtigtem Stolz und einer hintersinnigen Schlusszeile an die sogenannte Sozialdemokratie von heute. Eine kleine Geschichtsstunde der anderen Art und länger als der „Tankerkönig“. Dazwischen Lieder von sehr persönlichem Charakter, die teilweise aber an etwas erinnern, das auch schon seit Jahren gern wieder verdrängt wird, nämlich dass auch das scheinbar Unpolitische und Private durchaus und unentrinnbar politisch ist, weil nun einmal niemand sein Leben aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang ausklinken kann und weil deshalb auch jeder mitverantwortlich ist. Und so ist Hannes’ neue Scheibe als Ganzes vielleicht nicht der größte Wurf, aber sie enthält nichtsdestoweniger große Würfe.
www.hanneswader.de, www.plaene-records.de

Little Venus, Volcano
pläne 88931
Eine Sängerin und Flötistin und zwei Instrumentalisten an Gitarren, Dobro, Violoncello und ein bisschen Sitar bilden dieses originelle Trio, das mit eigenen Songs in fünf Sprachen aufwartet. Irina Simoneta aus Triest singt mit leichter, natürlicher Stimme, und ihre beiden Schweizer Mitstreiter Andreas Kühnrich und Marc Rossier bedienen sich gekonnt aus einer Vielzahl von Musikstilen – Folkloristisches, Rockiges, Jazziges. Jeder einzelne Song für sich genommen vermag auch durchaus zu überzeugen, aber irgendwie ergeben sie keinen Zusammenhang, klingen wie Puzzle-Stücke, die noch nicht zusammengesetzt sind. Es hätte vermutlich schon viel gebracht, eine andere Reihenfolge zu wählen, um den Hörer besser mitzunehmen. So wirkt das Album auf mich weder wie die Venus, noch wie ein Vulkan, und das ist eigentlich schade angesichts der Fähigkeiten, die diese drei zweifellos mitbringen. www.littlevenus.comwww.plaene-records.de

Maria Muldaur, Heart Of Mine
Telarc, 83643
Warum nicht mal eine Platte mit Bob Dylan’s Liebesliedern? Maria Muldaur, diese sonst unwiderstehliche Sumpfblüte, wäre dafür auch sicher die richtige Sängerin gewesen. Aber den passenden Arrangeur und/oder Produzenten hätte sie sich dazu nehmen sollen. Hat sie aber leider nicht getan und damit die ganze schöne Idee verschenkt. Nun kommen ihre Takes von „Lay Baby Lay / Lay Lady Lay“, „Bucktes Of Rain“ und manch anderer hübschen Ballade daher wie bei einem müden Country-Club-Tanzabend, und selbst das im Original so temperamentvolle „You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go“ lässt jeden Schmackes vermissen. Maria, wo bleibt Dein Feuer? www.mariamuldaur.com, www.telarc.com

Guitar Shorty, We The People
Alligator, 4911
Als 16jähriger wurde er für ein Jahr Mitglied in der Band von Ray Charles und als 17jähriger nahm er eine Single unter der Leitung von Willie Dixon auf. Er freundete sich mit Jimi Hendrix an, heiratete übrigens dessen Schwester Marcia und spielte mit Legenden wie T-Bone Walker, Big Joe Turner und Little Richard. Der Weg hätte also eigentlich geebnet sein müssen, aber erst 1991 begann seine Karriere wirklich, nämlich mit „My Way Or The Highway“, dem ersten Album unter eigenem Namen. Dafür erhielt er einen Handy Award, und seitdem ist er ein gefragter Mann. Rhythmisch ein wenig karg, aber bestens mit dem guten alten Wah-Wah-Pedal vertraut, klingt Guitar Shorty noch heute so, als sei Woodstock gerade erst gestern gewesen – ein Blues-Rocker von echtem Schrot und Korn.  www.guitarshorty.org, www.alligator.com

Syntopia Quartet, Mars
NEMU-Records 001
Robert Dick & Ursel Schlicht, Photosphere
NEMU-Records 002
Bruce Eisenbeil, Klaus Kugel u.a., Carnival Skin
NEMU-Records 003
Albrecht Maurer & Norbert Rodenkirchen, Hidden Fresco
NEMU-Records 004
Der Schlagzeuger Klaus Kugel und der Violinist Albrecht Maurer, zwei international renommierte Jazz-Musiker aus deutschen Landen, haben in Köln das NEMU-Label aus der Taufe gehoben und die ersten vier CDs veröffentlicht. Ziel der Bemühungen ist die Konfrontation des (oftmals etwas kopflastigen) Euro-Jazz mit der (unbefangeneren und leichtfüßigeren) Herangehensweise amerikanischer Musiker. Natürlich gibt es längst euro-amerikanische Ensembles, die in der Praxis so musizieren. Und natürlich ist es auch wieder kopflastig, einen solchen Anspruch überhaupt als Arbeitshypothese und Label-Philosophie zu formulieren. Trotzdem hat AAJ-Autor Andrey Henkin in seinem Text auf der NEMU-Website Recht mit der Feststellung, dass dieser grundsätzliche Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Jazz kaum je ausdrücklich zugegeben und reflektiert, im Gegenteil meist verdrängt wird. Die Bemerkung sei gestattet: Ich predige Ähnliches seit langem. Sei es also drum: Gehen wir’s bewusst an, aber vergessen wir dabei das Genießen nicht, denn auch dazu gibt es auf den vier Scheiben viel Gelegenheit. Die avantgardistischen Highlights des Syntopia Quartet werden von Geige und Bass mit wohltuend-warmen Klängen unterfüttert, Dick & Schlicht verbinden revolutionäre Ausrufezeichen mit meditativer Gelassenheit, Maurer & Rodenkirchen überraschen bei ihren Improvisationen auf mittelalterlichen Instrumenten gelegentlich mit unverhoffter Heiterkeit, und die fünfköpfige All-Star-Band auf Carnival Skin swingt sogar gelegentlich ganz ungeniert. Auf NEMU gibt es jedenfalls viel zu entdecken. Hören wir’s an! www.nemu-records.com

Kayhan Kalhor & Shujaat Husain Khan, The Rain
ECM 1840 066627-2
Kayhan Kalhor & Erdal Erzincan, The Wind
ECM 1981 9856354

Kayhan Kalhor, aus dem Iran stammender Meister der Kamancheh, einer Art Violine, die wie ein Cello gehalten und gespielt wird, widmet sich weniger dem musikalischen Ost-West-Dialog, sondern dem zwischen den Kulturen vom Nahen bis zum fernen Osten, die sich ihrerseits so deutlich unterscheiden, dass Gemeinsamkeiten und Brückenschläge keineswegs so selbstverständlich sind, wie der Westeuropäer oder Amerikaner vermuten könnte. Kalhors Interaktion mit Shujaat Husain Khan, einem großartigen Sitar-Virtuosen und Vokalisten der klassischen indischen Tradition, gestaltet sich dabei dennoch vergleichsweise leicht. In beiden Ländern hat man mit dem Improvisieren im Ensemble eine lange Erfahrung, so dass zwei solche Meister wie Kayhan und Shujaat nahezu mühelos miteinander in Dialog treten und sich gegenseitig zu grandiosen Klang-Kaskaden aufschaukeln können. Das Stimm- und Sitar-Spiel – teilweise unisono – prägt bei dieser Session das Bild streckenweise sogar stärker als das Kamancheh, sodass sich der Hörer mitunter vollständig in Indien glauben könnte. Anders die Zusammenarbeit mit dem türkischen Lautenspieler Erdal Erzincan, der einer ganz dem Volkslied verhafteten Tradition entstammt und noch niemals vorher auf seiner Baglama improvisiert hatte. So merkt man ihm die Mühe durchaus an, doch auch er entwickelt im Dialog mit dem sensiblen Kalhor Spaß an der Sache und spielt sich bis zu einem gewissen Grade frei. Im Vergleich zur Funken sprühenden Freude der iranisch-indischen Produktion klingt die Session mit Erdal Erzincan zwar etwas düster, aber es ist gleichermaßen spannend und genussreich zuzuhören, wie die beiden sich aneinander herantasten. Da steckt noch viel Potential drin. Ich freue mich jetzt schon auf weitere Begegnungen dieser Art. Hochinteressant fände ich beispielsweise auch eine Session mit Kalhor und einem vietnamesischen Saiten-Meister, denn der würde sowohl indische als auch chinesische Elemente und wiederum Improvisationserfahrung mit einbringen. Und Musik aus Vietnam hat man bislang eh viel zu wenig gehört. Wie wär’s, Aghae Kalhor?
www.ecmrecords.com

Giora Feidman, KlezMundo
pläne, 88937
Diejenigen, die den großen Klarinettenvirtuosen mal wieder so hören wollen, wie sie ihn ursprünglich kennen gelernt haben, dürfen jubeln: Giora Feidman hat wieder eine Klezmer-Platte gemacht, auch wenn er dieses Genre gewohnt großzügig auslegt. So hat neben traditionellen und zeitgenössischen Titeln aus der jüdischen Kultur auch Franz Schubert’s „Lindenbaum“ darin Platz, einen unverhofften Ausflug ins Alpenländische gibt’s ebenfalls, und für den Ausklang hat er gemeinsam mit Steve Murray die Melodien der deutschen und der israelischen Nationalhymne und der von Mikis Theodorakis komponierten provisorischen Hymne der Palästinenser zu einem einzigen Musikstück arrangiert, um erneut ein Zeichen gegen den Fanatismus auf allen Seiten zu setzen. Mit Guido Jäger, Jens Uwe Popp, Avi Avital, Enrique Ugarte, Murat Coskun und Raúl Alvarellos umgibt ihn ein ausgezeichnetes Ensemble, und er selbst beweist sich einmal mehr als wahrer „Soul-Sänger“ auf seinem Instrument – rundum so, wie wir ihn lieben. www.giorafeidman.de, www.plaene-records.de

Stephan Micus, On The Wing
ECM 1987 9854516
1953 in Deutschland geboren, unternahm Micus vom Teeny-Alter an zahlreiche Reisen durch Asien, Afrika und die beiden Amerikas, studierte vor Ort die musikalischen Traditionen und brachte eine Unzahl exotischer Instrumente mit nach Hause. Auf dieser Platte, seiner 17. auf ECM, spielt er Sattar, Mutbedsh, Klassische Gitarre, Nay, Shô, Hné, Suling, Tibetanische Cymbals, Gongs, Hang, 14saitige Gitarre, Stahlsaiten-Gitarre, Shakuhachi, Mandobahar und Sitar, und ich gestehe gern, dass ich von einigen dieser Instrumente bislang nicht einmal die Namen gehört hatte. Dabei geht es ihm nicht um die Kreuzung unterschiedlicher Stile, sondern um die Instrumente an sich. Er löst sie aus ihren traditionellen Umfeldern, verändert sie in baulichen Details, spielt sie auch auf gelegentlich recht unorthodoxe Weise und erschafft eine eigenständige Klangwelt, in der die Instrumente quasi ein ganz neues Leben beginnen – ein sowohl beim Komponieren und Aufnehmen als auch beim Zuhören sehr strapaziöser Prozess. Die Musikstücke, so wie sie jetzt vorliegen, können für mein Gefühl auch nur Zwischenergebnisse sein, Momentaufnahmen auf einem Weg, nicht Abbildungen erreichter musikalischer Ziele. Und ebenso verhält es sich mit den Eindrücken, die ich bisher beim Anhören dieser CD gewonnen habe. Aber gerade darin liegt ihr Reiz – eine andauernde Erfahrung mit gänzlich offenem Ausgang. www.stephanmicus.comwww.ecmrecords.com

Crooked Still, Shaken By A Low Sound
Signature Sounds / Rounder Europe, sig-2000
Natürlich gibt es immer noch Bluegrass-Bands, die ihr Repertoire auf hinterwäldlerische Art herunterdudeln. Aber die alten Melodien und Rhythmen waren auch immer Inspiration für ausgebuffte Saiten-Freaks und atemberaubende Soli. Crooked Still fallen in keine der beiden Kategorien. Der ursprüngliche Volkslied-Charakter der Stücke bleibt im Vordergrund, getragen von einer prima Sängerin namens Aoife O’Donovan. Drumherum ranken sich ausgezeichnete Instrumentalisten, die auch durchaus tolle Soli spielen, aber schnell zum Lied zurückkehren. Ich wette, die zeigen maximal 75% ihres wahren Könnens. So ist Crooked Still einerseits eine bodenständige Folk-Truppe, bewegt sich aber andererseits auf herausragend hohem Niveau und wird in der US-Fachpresse entsprechend gelobt. Dem schließe ich mich besten Gewissens an. www.crookedstill.com, www.signaturesounds.com, www.roundereurope.com

Friend ’n Fellow, Crystal
Ruf 1118
Mann mit exzellent gespielter Gitarre, Frau mit toller, modulationsreicher Stimme, warmer, Jazz-inspirierter Sound – da denke ich automatisch an Tuck & Patti. Aber Constanze Friend und Thomas Fellow – letzterer auch bekannt durch „Hands On Strings“ – gibt’s als Duo inzwischen auch schon im elften Jahr, und Vergleiche mit den Vorgenannten brauchen sie nicht zu scheuen. Subtil und swingend, sanft und soulful, unaufdringlich aber unwiderstehlich erobern sie das Ohr und lassen einen nicht mehr los. Für diese CD haben sie übrigens auch das komplette Repertoire selbst geschrieben. www.friendnfellow.com, www.rufrecords.de

Burkhard Schmidt &  Matthias Klünder, Sehnsucht
LaLune, L0001
Ein Duo aus Piano und Saxophon ist und bleibt eine schwierige Angelegenheit. Dass beide Musiker ihre Instrumente beherrschen und wirklich lieben, daran besteht kein Zweifel. Aber da, wo sie mir am besten gefallen, da fehlt mir auch am meisten ein stützender und verbindender Bass. Schmidt und Klünder gelingen sehr schöne lyrische Passagen, aber im Up-Tempo, wo mehr Spannung aufgebaut wird, offenbart sich dann doch „Unvollständigkeit“ – welche auch immer. www.lalune.de

Linda Hopkins, The Living Legend Live
Freeham Records, FH 04

Hat man je von einem Sänger oder einer Sängerin gehört, die im Alter von 81 Jahren noch ein Live-Album aufgenommen hat? Ich nicht. Lässt man den Mitschnitt des „New Morning Blues Festivals“ in Genf von 1979 einmal beiseite, auf dem die seinerzeit sogar 84jährige Elizabeth Cotton mit zwei Songs vertreten war, dürfte Linda Hopkins hier – nach ihrem langlebigen Broadway-Triumph mit der One-Woman-Show „Me And Bessie“ – einen weiteren Rekord aufgestellt haben. Aber das ist natürlich nicht der zentrale Punkt. Prima bei Stimme und in bester Laune präsentiert sie ihren „Down Home Blues“ und das „Evil Gal“, fordert ihren imaginären Liebhaber auf, sie ihn seinen „Black Drawers“ zu begrüßen und liefert mit „Georgia On My Mind“ eine gefühlvolle Hommage an ihren verstorbenen Freund Ray Charles. Ihre einmalige Phrasierung ist und bleibt so unwiderstehlich wie die Lebensfreude und die Menschenliebe, die sie ausstrahlt, und der Witz, mit dem sie durch ihr Repertoire führt. Elf pralle Songs, gekonnt begleitet von Michael Konik & His Tasty Band und aufgenommen im April und Mai dieses Jahres im berühmten Jazz-Club „Catalina Bar & Grill“ in Linda’s Wahlheimatstadt Hollywood – wohl dem, der die letzte wirklich große Diva des Blues und Gospel je live erlebt hat oder wenigstens diese CD anhören kann. Mag sein, dass ich bei Linda Hopkins parteiisch bin, aber ich bestehe darauf: Sie ist einzigartig und sie ist einzigartig gut! www.linda-hopkins.com, www.freehamrecords.com

Amsterdam Klezmer Band, Son
Connecting Cultures / Galileo CC 50022

Als Straßenmusikkapelle fingen sie 1996 in Amsterdam an, inzwischen sind sie in Nord-, West- und Osteuropa sowie in den USA bekannt. Eine reine Klezmer-Band sind sie nicht, sondern mischen auch Roma-Musik, Eigenes und Komisches in ihre lebhaften Bühnen-Shows, was sie beim Publikum nur noch beliebter macht. Son, der Titel ihres siebten Albums, hat nichts mit Kuba zu tun, sondern ist in diesem Fall das russische Wort für Traum. Und traumhaft sind auch die Virtuosität und Spritzigkeit dieser Aufnahmen. Ein Riesenspaß nicht nur für Freunde jiddischer Kultur. www.amsterdamklezmerband.nl, www.choicemusic.nl, www.galileo-mc.com

Erja Lyytinen, Dreamland Blues
Ruf 1114

Was haben Finnland und der US-Staat Mississippi gemeinsam? Viel Wasser und viele Mücken. Sonst noch was? Ja tatsächlich, denn auch in Finnland hat der Blues längst viele Freunde gefunden und inzwischen auch einen junge Gitarristin hervorgebracht, die schon als die Bonnie Raitt von Finnland gefeiert wird. Ihre Zusammenarbeit mit Aynsley Lister und Ian Parker machte sie im letzten Jahr einem größeren Publikum bekannt, und nun hat sie in nur vier Tagen in Mississippi ein respektables Album eingespielt. Als Slide-Gitarristin kommt sie überzeugend rüber, als Sängerin muss sie noch viel an sich arbeiten, aber immerhin: Ein viel versprechender Anfang ist gemacht. www.erjalyytinen.com, www.rufrecords.de

Quadro Nuevo, Tango Bitter Sweet
GLM Music, FM 123-2

Man kann den Tango bluesig-schmutzig spielen wie in den argentinischen Vorstadtkneipen, aus denen er einst kam, oder gepflegt und konzertant aber trotzdem voller Spannung, wie Astor Piazzolla. Man kann ihn aber auch mit der fast schon unverschämt swingenden Leichtigkeit von Quadro Nuevo interpretieren und sich dabei auch Stücke aus allen möglichen anderen Genres vornehmen. Sidney Bechet’s „Petite Fleur“, Gilbert Bécaud’s „Et Maintenant“ und Khatchaturian’s „Säbeltanz“ werden so zu neuen Highligts des Tango-Repertoires. Dem instrumentalen Können, der geradezu zärtlichen Hingabe und dem frischen Humor dieser Truppe kann man sich schwerlich entziehen, und es verwundert nicht, dass sie bereits etliche Album-Chart-Erfolge und Auszeichnungen vorweisen können. Die nächsten werden sie unter Garantie für dieses neue Album einheimsen. www.quadronuevo.de, www.glm.de

Diverse, Irish Folk Festival 2006
Magnetic Music, MMR 1037

Dass die IRA nun schon seit längerer Zeit die Waffen schweigen lässt, ist sehr erfreulich. Dass aber auch aus dem Irish Folk Festival jegliches Feuer verschwunden scheint, ist schade. Was Zoe Conway & John McIntire, Cormac Breatnach & Martin Dunlea, die Pauline Scanlon Band und die Gruppe Arcanadh hier anbieten, ist denn doch zu langweilig, um der irischen Folk-Musik neue Freunde zu gewinnen. www.irishfolkfestival.de, www.magnetic-music.com

Oliver Jones, One More Time
Justin Time Records, Just 217-2

Oliver Jones ist in der Nachbarschaft von Oscar Peterson in Montreal aufgewachsen und kann musikalisch als dessen „kleiner Bruder“ gelten. Bevor er Anfang der 1980er Jahre zum Label Justin Time stieß, verdiente der klassisch geschulte Pianist sein Geld in den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Und diese Zeit war nicht vergebens, denn sein Spiel ist nicht nur außergewöhnlich elegant, sondern vor allem rhythmisch auch sehr vielseitig. Eigentlich hatte er sich schon zur Ruhe setzen wollen, aber nun kommt er noch einmal raus, hat sich mit großen jungen Talenten aus der Szene Montreals umgeben, z.B. der Trompeterin Ingrid Jensen und dem Tenoristen Chet Doxas, und ein richtig schön reifes Piano-Jazz-Album eingespielt – nicht unbedingt aufregend, aber sehr vergnüglich. www.justin-time.com

Deborah Henson-Conant, Invention & Alchemy
Golden Cage Musik / Laika-Records GC-06-002-CD

Man stelle sich vor, eine Gruppe andalusischer Zigeuner platzt in ein Menuett am französischen Königshof kurz vor der Revolution und versucht, sich musikalisch einzufügen. Die Hauptrolle dabei spielt die Harfe. Abseitig? Oder wie klingt ein Blues, gespielt von elektrifizierter Harfe und klassischem Sinfonie-Orchester? Solche Überraschungen sind typisch für die amerikanische Harfenistin, Sängerin und Komponistin Deborah Henson-Conant. Virtuos, temperamentvoll und völlig unbekümmert präsentiert sie die unterschiedlichsten und verrücktesten Kombinationen und zeigt, dass sie sehr wohl fantastisch klingen können, wenn man nur richtig damit umgeht. Obendrein würzt sie den Parforce-Ritt durch ihre originellen Phantasien mit witzigen Geschichten, und so ist dies eine Live-CD im allerbesten Sinne geworden. www.HipHarp.com, www.laika-records.com

Mikis Theodorakis, The Metamorphoses Of Dionysus (2CDs)
Intuition Classics, INT 3400 2

Mikis Theodorakis’ erste Oper, entstanden 1985, basiert auf Versen des Dichters Kostas Karyotakis, denen Theodorakis eigene Texte und natürlich die Musik hinzufügte. Das Libretto behandelt auf ironische bis bitter-satirische Weise diverse Phasen aus der jüngeren Geschichte Griechenlands: von der Herrschaft des aus Bayern stammenden Königs Otto über die Einmischung Winston Churchill’s, den Bürgerkrieg (1946 – 49), die amerikanische Bevormundung und die Obristendiktatur (1967 – 74) bis zur Selbstherrlichkeit der politischen Klasse der Gegenwart. So reflektiert die Oper die Wechselwirkung von Macht und Machtmissbrauch und das Verhältnis zwischen Kunst und Politik in solchen Zeiten. Die Doppel-CD bietet den Mitschnitt der Passauer Aufführung des Werks von 1999 in der Kammerfassung von Henning Schmiedt für Solisten, Chor, Klavier, diverse Bläser, Cello, Bass und Percussion mit der herausragenden Jocelyn B. Smith (Sopran, siehe auch nächste Rezension), Hagen Matzeit (Bariton) und den Tenören Marcin Tomczak, Grzegorz Zieba und Marek Wieclawek. Der folkloristische Einfluss des Rembetiko, sonst charakteristisch für Theodorakis’ Musik, ist hier nur wenig spürbar. Für Hörer, die in der Welt der Oper fremd sind, ist dies deshalb zunächst ein schwieriges Werk. Aber der Komponist geht mit der menschlichen Stimme doch viel natürlicher um als die klassische Oper, also nur Mut! Und hat man sich erst mal ein wenig eingehört, kommt man dem Spott in der Partitur sehr schnell auf die Spur, und das Zuhören wird vergnüglich. Von der Opernform sollte sich also niemand abschrecken lassen, auch diese Facette von Theodorakis kennenzulernen. Es lohnt sich. Und dass die Aufführung handwerklich großartig ist, versteht sich wohl von selbst, wenn man weiß, dass Theodorakis sie selbst dirigiert hat. www.mikis-theodorakis.net, www.intuition-music.com

Jocelyn B. Smith, expressionZZ (CD & DVD im Digipak)
Blondell Productions / CaLuFo, JBS 046

Und noch einmal Jocelyn B. Smith: In New York geboren und Wahl-Berlinerin seit 1984, hat sich die Sängerin nicht nur in Soul, Funk und Jazz, sondern auch mit ihren Parts in klassisch komponierten Werken wie „The Metamorphoses Of Dionysus“ (siehe oben) und „Surrogate Cities“ weltweit einen Namen gemacht. Auf dem vorliegenden Album fügt sie nun ihre Erfahrungen mit diesen unterschiedlichen Stilrichtungen behutsam zu einem musikalischen Kontext zusammen. Die inhaltliche Grundlage der Songs, die sie wieder selbst geschrieben oder mitgeschrieben hat, bildet das zeitlos schöne Buch der Psalmen aus dem Alten Testament, und in der Band spielen wieder bewährte Größen wie Henning Schmiedt (p, kb) und Volker Schlott (sax, fl), mit denen Jocelyn ja schon früher prima zusammengearbeitet hat. Der Sound bewegt sich in der Tat zwischen Gospel, Soul, Jazz und Klassik, macht Stationen bei Blues und spanischer Gitarre, durchstreift orientalische Melodik und afrikanische Rhythmen und ergibt doch insgesamt ein geschlossenes Bild, das stellenweise an Herbie Mann oder auch an den Stevie Wonder der 1980er Jahre erinnert. Und darüber entfaltet Jocelyn B. Smith die emotionale Kraft und den Modulationsreichtum ihrer großartigen Sopran-Stimme. Eine tolle Produktion. www.jocelyn.de, www.calufo.de

Robin Williamson, The Iron Stone
ECM 1969 9876441

Wer erinnert sich noch an das Album „The Hangman’s Beautiful Daughter“ der Incredible String Band? Damals nahm der Dylan Thomas-Fan Robin Williamson mehr Drogen als Nahrung zu sich. Das ist zum Glück lange her, aber ein Mystiker ist er – ebenfalls zum Glück – geblieben. Seiner keltischen Harfe treu und unter Verwendung einer Vielzahl anderer Instrumente zelebriert er auf dieser Scheibe gemeinsam mit Mat Maneri, Barre Phillips und Ale Möller eine Music & Poetry Session von zeitloser Schönheit. Wie aus dem Herbstnebel der schottischen Highlands heraus rezitiert und singt er Verse von Sir Thomas Wyatt, Sir Walter Raleigh, John Clare, Ralph Waldo Emerson und aus eigener Feder. Die Kompositionen dazu stammen größtenteils von ihm selbst. Einige klingen trotz der historischen Instrumente avantgardistisch experimentell, andere könnten auch schon hunderte von Jahren alt sein. So entführt er uns für eine gute Stunde in eine andere Welt und gibt Balsam auf das gestresste moderne Gemüt, ohne dabei je in vordergründiger Weise anachronistisch zu wirken. Vielmehr stellt man wieder einmal fest, wie sehr uns ein seriöser, von hinterlistigen Manipulationen freier Mystizismus heute fehlt. Und zumindest ich freue mich, dass es so einen wie Robin Williamson in unseren Breiten überhaupt noch gibt. www.ecmrecords.com

Cane, Vegere - Reviens
Playa Sound, PS 65293

Auch bei den Kurden gibt es rigide Familienherrschaft und Zwangsverheiratungen. Andererseits spielen ihre Frauen traditionell eine wichtige Rolle im kulturellen Leben, insbesondere in Dichtung und Musik. Cane steht also sowohl als Frau, die nach erzwungener Hochzeit ins deutsche Exil flüchtete, als auch als Sängerin in einer langen Tradition, die musikalisch von großen Vorgängerinnen wie Meryem Khan und Ayshe Shan geprägt wurde. Sie selbst gilt als eine der authentischsten Vertreterinnen dieser Linie in der Gegenwart. Die elf Lieder, die sie auf dieser Platte vorträgt und zum Teil selbst geschrieben hat, haben trotz ähnlicher Instrumentierung wenig mit türkischer Musik gemein. Die rezitativen Passagen sowohl von Gesang als auch von Flöte oder Laute umspielen etliche Textzeilen lang in kleinen Schritten eine einzige Note und verweisen damit eher auf arabische Wurzeln. Dadurch gewinnt die Musik eine starke Suggestivkraft, die Cane souverän ausspielt, aber auch eine düstere Stimmung, die allerdings ganz dem Inhalt der Texte entspricht. www.playasound.com

Agnès Jaoui, canta
Tót Ou tard / Galileo PRO 15720

Als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin wurde die jugendlich wirkende 42jährige Französin bereits mehrfach ausgezeichnet, als Sängerin hatte sie zunächst nur zwei kleine Filmauftritte. Eigentlich aber war ihr der Gesang in die Wiege gelegt, und nach dem Anhören zahlloser Platten mit iberischer und lateinamerikanischer Musik und einer Kuba-Reise packte sie energisch auch ihre zweite Karriere an. Ermutigt durch eine Reihe erfolgreicher Live-Autritte spielte sie gemeinsam mit dem Sänger Marcos Arieta (Peru) und den Gastsängerinnen Maria Bethania (Brasilien) und Misia (Portugal) sowie Musikern aus Spanien und Frankreich zwölf starke Lieder ein, die aus der Vielfalt von Flamenco, Bolero, Bossa Nova, Fado und Son schöpfen. Dabei beweist sie nicht nur viel Musikalität und Temperament, sondern auch ein Timbre und eine Souveränität, als hätte sie nie etwas anderes getan als zu singen. www.totoutard.com, www.galileo-mc.com

Kim Chong, Hellos & Goodbyes
Fine Music / GML, FM 119-2

Eine Jazz-Sängerin aus Südkorea, die nicht nur in Englisch, sondern auch in ihrer Muttersprache singt, hat sicher ihren exotischen Reiz. Aber das ist nicht alles. In ihrer Heimat ist sie längst ein Star, und auch in Europa hat sie sich als Front-Frau des A-cappella-Quintetts „Ladies Talk“ inzwischen einen Namen gemacht. Sie schreibt einen großen Teil ihres Repertoires selbst und ist – wenn nicht mit den Ladies – dann mit verschiedenen Instrumentalbesetzungen fast ständig auf Tournee, jüngst mit der von Peter Herbolzheimer geleiteten Jam Factory Big Band. Das vorliegende Debüt-Album hat sie mit Piano, Bass, Drums und Percussion eingespielt. Einen Blues-Faktor bietet ihre Interpretation des Jazz nicht, aber emotionale Tiefe zeigt sie durchaus. Zu den subtilen Arrangements von Walter Lang führt sie ihre Stimme in einer an Bossa Nova orientierten, aber längst nicht so coolen Manier durch ein vielseitiges Repertoire und singt als letzten Titel der Scheibe „Alle Vöglein sind schon da“ herrlich swingend in koreanischer Sprache. Mein Gefühl sagt mir, dass wir von dieser Sängerin noch viel hören werden. www.kimchong.com, www.glm.de

Eric Steckel Band, Live At Havana
MMB / Rounder Europe, MMBCD 15

Mit 15 schon die dritte Blues-CD eingespielt und durch die halbe Welt getourt? Das riecht nach Hype. Aber Pustekuchen, dieser Junge ist wirklich umwerfend. Fußend auf den drei Kings Albert, B.B. und Freddie hat das schmächtige Kerlchen aus Pennsylvania auf seiner Strat eine Klasse erreicht, die einem die Sprache verschlägt. Nach dem Anhören dieser CD wundert es keineswegs, dass Eric Steckel schon mit Kenny Neal, Bob Margolin, Solomon Burke, Marcia Ball und anderen illustren Namen zusammen gearbeitet hat und jüngst sogar das Vorprogramm für B.B. King und für Johnny Winter bestreiten durfte. Klar, an der Stimme erkennt man noch den Youngster, aber auf der Gitarre zeigt er sowohl reifes Feeling als auch technische Meisterschaft. Er hat eine tolle Band beisammen, deren Mitglieder natürlich sämtlich älter sind als er, und er schreibt den Großteil seines Repertoires selbst. Aber auch mit „Little Wings“ von Jimi Hendrix kann er prima umgehen und wird hoffentlich sein Leben lang klug genug bleiben, sich nicht an „Voodoo Chile“ zu versuchen. Darüber hinaus beweist er mit „Espirita“, dass er locker auch mit Carlos Santana jammen könnte. Von Hype kann da jedenfalls keine Rede sein. Wenn der auch noch als Sänger richtig gut wird, dann steht uns einiges bevor. Manchmal gibt es halt auch im Blues ein echtes Wunderkind. Man denke an Esther Phillips, als sie 13 war! www.ericsteckel.com, www.roundereurope.com

Hoyo Colorao, Todo Se Sabe (enhanced CD mit Video)
pläne, 88940

Parallel zur Protestsong-Ära übernahmen in den 1960er/70er Jahren auch die Trova-Sänger auf Kuba soziale und politische Themen in ihre Texte. Aus dieser Trova Nueva stammen die Musiker von Hoyo Colorao. Die Mannen um Karroll Pèrez Zambrano sind also mit guter, handgemachter Musik aufgewachsen und mischen die Trova mit Son, Salsa und Reggae. Im Jahr 2000 stieß dann der Tontechniker und DJ Humberto Escuela Fernández mit seinen Schallplattentellern und Computer-Beats dazu und bereicherte die swingende Melange um das Rap-Element. So entstand aus karibischer Tradition und Rap eine eigenständige Spielart, in der Saiten- und Blasinstrumente mit der Elektronik verschmelzen, in der melodischer Gesang und rhythmischer Sprechgesang einander abwechseln und sich zu einem neuen Ganzen fügen. Auch dem politischen Engagement bleiben sie treu. Highlight ihrer bisherigen Karriere ist das selbstgeschaffene Video zu ihrem Song „Di Que No“ („Sag Nein“). Darin schildern sie in eindringlicher Bildersprache die Situation der Kinder im Irak-Krieg (wie in jedem Krieg) und entlarven die offizielle „eingebettete“ Kriegsberichterstattung, z. B. mit dem kleinen Jungen, dem eine Benzin-Zapfpistole wie eine Schusswaffe auf die Stirn gedrückt wird. Das Video wurde zum meist gesendeten Clip im kubanischen Fernsehen und der Song selbst ein echter Hit. Mit dem aktuellen Album inklusive Video werden sie nun ganz sicher auch international ein starken Eindruck machen. www.plaene-records.de

The Rhythmakers, The Complete Set 1939
Retrieval / Challenge, RTR 79049

Auch wenn Hamburg alljährlich zwei große Meetings für Old Time Jazz ausrichtet: Man könnte befürchten, dass das Publikum dafür demnächst ausstirbt – zusammen mit den letzten, meist europäischen Musikern, die diese Stile noch pflegen. Aber Totgesagte sind (nicht nur) in der Musik oftmals wieder auferstanden, und gerade diese wiederveröffentlichten Aufnahmen von Billy Banks, Jack Bland, Henry Red Allen, Pee Wee Russel, Fats Waller, Pops Foster, Gene Krupa & Co. könnten da einen Impuls geben. Die aus schwarzen und weißen Musikern zusammengesetzte Band lässt noch mal hören, wie viel Kraft schon vor den Zeiten von R & B und Bebop im Jazz steckte, und erinnert daran, dass Titel wie „Margie“, „Who’s Sorry Now?“ oder „I Would Do Anything For You“ – manche in mehreren Takes vertreten – weit mehr zu bieten haben als das, was später aus ihnen gemacht wurde. Hier kommen die Originale zu Chris Barber und Papa Bue. www.challenge.nl

Adama Dramé, 40th Anniversary (2 CDs)
Playa Sound, PS 65295

Mit einem Doppel-Album feiert Adama Dramé, der Djembé-Meister aus Nouma in Burkina Faso, sein 40jähriges Jubiläum als Musiker. Aus einer alten Griot-Familie stammend, bereiste er mit seiner Trommel in unterschiedlichsten Ensembles ganz Afrika, außerdem Europa und die USA und wurde darüber hinaus zum Lehrmeister für so bekannte Gruppen wie „Black Blancs Beurs“ oder die „Percussions Of Strasbourg“. Begleitet von Kora, Gitarren, Balaphon, Flöte, zusätzlicher Percussion und diversen Sängerinnen und Sängern stellt er auf der ersten CD eigene Lieder vor, die das traditionelle Erbe nahtlos fortsetzen. Im Musical „Tagariba“, präsentiert auf der zweiten CD, kommen moderne elektrische Instrumente hinzu, und Dramé setzt sich darin u.a. kulturkritisch mit dem Thema Zwangsehen auseinander. Zu allen Songs bietet das Booklet hilfreiche Inhaltsangaben in Französisch und Englisch. Die Produktion zeigt, dass man traditionelle Werte sehr wohl respektvoll pflegen und zugleich auch selbstbewusst und zeitgemäß hinterfragen kann – und zwar nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich. www.playasound.com

Ensemble Roudaniyat, al-Hal
ZimBraz / Music & Words, MWCD 3025

Die Stadt Taroudannt liegt am südwestlichen Rand des Gebirges Hoher Atlas. Man spricht dort gleichermaßen die Sprache der Berber und Arabisch und fühlt sich innerhalb des Islam vor Allem der Sufi-Tradition verbunden. Die Frauen pflegen einen eigenständigen Teil der musikalischen Kultur, indem sie zu allen möglichen Anlässen – außer während des Ramadans – in Gruppen und zur Begleitung von handgeschlagenen Rahmentrommeln rituelle Gesänge anstimmen. Die Auswahl an Melodien und Rhythmen, die ihnen zur Verfügung steht, scheint eher begrenzt zu sein. Ihr Ziel besteht aber auch nicht so sehr darin, ein Publikum zu begeistern. Vielmehr singen sie sich gemeinsam in Trance (al-Hal), um so die friedvolle Vereinigung mit Allah zu erreichen. Das Booklet zu diesen 2002 in den Niederlanden entstandenen Aufnahmen bietet Erklärungen in englischer und französischer Sprache. www.musicwords.nl

Streif, Nordic Winter
Ozella, OZ 015

Keine Angst, diese Musik macht den Winter nicht noch düsterer, als er ohnehin schon ist. Mit Gitarre, Bouzouki, Mandoline, Akkordeon, Klarinette, Trompete, Sax, Tárogáto (ungarische Klarinette), Euphonium (Vorläufer der Tuba), Schlagzeug, Percussion und Marimba zaubert das Quartett im Gegenteil Klänge, die geeignet sind, die Winterkälte draußen vor der Tür zu halten. Streif bedienen sich folkloristischer, mitunter lyrischer Motive aus Skandinavien, dem Baltikum und dem Klezmer und auch der Möglichkeiten von Jazz und Rock. Dabei kreieren sie eine anspruchsvolle Art von Gemütlichkeit, bei der man dunkle Spätnachmittage gut aushalten kann. www.ozellamusic.com

Ray Charles, celebrates a Gospel Christmas
Urban Edge / Wienerworld, WNRD 7015 DVD
Ray Charles, with The Voices Of Jubilation
MediaLink, MLE-CD-101

Wenn’s stimmt, was auf dem Cover zur DVD geschrieben steht, sollte es Ray Charles’ letzter Konzert-Auftritt werden, als er im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Voices Of Jubilation Choir aus Newark, New Jersey einen weihnachtlichen Gospel-Abend gab. Für solch einen nachträglich zum historischen Ereignis gewordenen Gig sind allerdings die Ausstattungen sowohl der CD als auch der DVD – merkwürdigerweise auf verschiedenen Labels erschienen – erbärmlich. Keine Booklets, keinerlei Angaben zu Ort und Datum des Geschehens, selbst die Jahreszahl musste ich mir aus dem Internet fischen. Wer, wenn nicht Ray Charles, hätte da eine liebevollere Gestaltung verdient? Aber sei es drum: Der 120-köpfige Chor gehört zweifellos zu den besseren seiner Art, die Band spielt tadellos und der Meister selbst zelebriert aus vollem Herzen seine von Rhythm & Blues geprägten Interpretationen von „What Kind Of Man Is This?,“ „Little Drummer Boy“, „Oh Happy Day“, „Silent Night“, „Rudolph The Red Nose Reindeer“ und etlichen mehr. Körperlich schon lange gezeichnet, schwingt dennoch soviel Feeling in seiner unnachahmlichen Stimme und seiner eigentümlichen Phrasierung, dass man es bestens Gewissens als würdiges Abschlusskonzert einer lebenden Legende bezeichnen darf. Ich empfehle besonders die DVD, denn dieses Konzert bietet auch eine Menge fürs Auge.

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